Ein zerstörtes London, in das die mythologische Welt Avalons buchstäblich einbricht – und mittendrin Gwendolyn, bewaffnet mit wechselnden Schwertern und den Geistern der Ritter der Tafelrunde. Tides of Annihilation ist das Debütspiel von Eclipse Glow Games, einem Tencent-finanzierten chinesischen Studio, dessen Entwickler Erfahrungen auf Titeln wie Assassin’s Creed, Persona, For Honor und Like a Dragon mitbringen. Beim Gamescom-Preview in diesem Jahr durften erste Spielende weltweit Hand anlegen – und was sie zu sehen bekamen, hat einige überrascht.
London unter Beschuss: Das Spielkonzept
Die Prämisse ist einfach und effektiv: Eine übernatürliche Macht aus einer anderen Welt hat London in Schutt und Asche gelegt. Gwendolyn ist die einzige menschliche Überlebende und macht sich daran, das Rätsel hinter dem Einbruch Avalons zu lösen. Das Ergebnis ist eine stilisierte Version der britischen Hauptstadt, in der moderne Wahrzeichen – das Britische Museum, die Tower Bridge – mit arthorianisch-magischen Elementen kollidieren und die Vergangenheit physisch durch die Gegenwart bricht.
Besonders das Konzept der gefalteten Welten sticht hervor: Bestimmte Bereiche existieren in zwei überlagerten Versionen gleichzeitig – eine zertrümmerte Gegenwart und eine mythologisch aufgeladene Spiegelung derselben Orte. Das Great Russell Museum, wie das Britische Museum im Spiel heißt, dient als spielbarer Schauplatz für die Preview und beherbergt Ausstellungsräume für ägyptische, chinesische und japanische Artefakte. Das Spieldesign spiegelt das direkt: Jede Sektion bringt thematisch passende Gegner, Fähigkeiten und Musik mit – im japanischen Ausstellungsbereich wartet ein gewaltiger Samurai-Boss, der sich in Phase zwei in einen Oni-Dämon verwandelt.
Artus trifft Action: Das Kampfsystem
Das Kampfsystem kombiniert klassisches Hack-and-Slash mit einer ungewöhnlichen Mechanik: Über das D-Pad wechselt man zwischen verschiedenen Rittern der Tafelrunde, die als kämpfende Geistergefährten neben Gwendolyn agieren. Wer Geraint aktiviert, erhält einen stark nahkampforientierten Begleiter; andere Ritter eignen sich besser für Distanzangriffe. Diese Kombination ergibt ein Angriffssortiment, das sich in zwei Stunden Spielzeit kaum vollständig ausschöpfen lässt.
Das Spiel hat einen niedrigen Einstieg, aber eine hohe Meisterschaftsgrenze – wer Zeit investiert, wird belohnt. – Game Informer
Hinzu kommt das Badge-System: Ausrüstungsplättchen verleihen Gwendolyn passive Boni wie Lifesteal, erhöhten Schaden oder erweiterte Angriffsoptionen – auf Kosten anderer Ressourcen. Die Boss-Kämpfe, darunter eine Auseinandersetzung mit Anubis und eine spektakuläre Begegnung mit einer weiblich interpretierten Mordred, sind kinoreif inszeniert: Mid-Fight-Cutscenes gehen nahtlos in spielbares Gameplay über, Drachen greifen ineinander an, die Kamera sucht den besten Winkel. Vergleiche mit Final Fantasy XVI drängen sich auf – und werden von Entwicklern wie Journalisten gleichermaßen gezogen.
Chinas neues Wunderkind auf dem Weg nach Westen?
Black Myth: Wukong hat 2024 bewiesen, dass chinesische Triple-A-Titel auf dem globalen Markt konkurrenzfähig sind – mit über 30 Millionen verkauften Exemplaren. Seither hat sich eine Welle chinesischer Entwickler in Richtung Konsolen und PC aufgemacht. Phantom Blade Zero von S-Game kommt im Oktober, und Eclipse Glow steht mit Tides of Annihilation in den Startlöchern. Der wesentliche Unterschied: Während Wukong und Phantom Blade Zero tief in chinesischer Mythologie verwurzelt sind, setzt Eclipse Glow auf westliche Erzähltraditionen – Artus, Avalon, die Tafelrunde – um explizit ein globales Publikum anzusprechen.
Das Kalkül ist riskant, aber nachvollziehbar. Ein in London spielendes Action-RPG über arthorianische Legenden, entwickelt in Chengdu – das ist eine Kombination, die so noch niemand gesehen hat. Ob das Konzept über zwei Stunden Demo hinaus trägt, zeigt erst der vollständige Release. Regisseur Ary Chen lässt sich auf keinen Erscheinungstermin festlegen; frühestens Mitte 2027 gilt als realistisch. Auch die Preisgestaltung ist noch offen – das Studio will laut eigenen Aussagen fair am globalen Markt konkurrieren.
Plattformen und Release: Tides of Annihilation erscheint für PC, PlayStation 5 und Xbox Series X|S. Ein offizielles Erscheinungsdatum steht noch aus. Eclipse Glow Games gab an, dass auch die Preisgestaltung noch nicht festgelegt ist.
Erstes Fazit
Zwei Stunden reichen nicht, um ein Urteil zu fällen – aber sie reichen, um Appetit zu machen. Tides of Annihilation zeigt visuell beeindruckende Ansätze, ein Kampfsystem mit echter Tiefe und ein Setting, das frisch wirkt. Die zentrale Frage ist, ob Eclipse Glow Games aus diesem Debüt-Projekt ein kohärentes, rundes Spielerlebnis schaffen kann.
Für Fans von Character-Action-Spielen im Stil von Devil May Cry oder Final Fantasy XVI ist Tides of Annihilation jedenfalls ein Titel, den man im Auge behalten sollte. Das nächste große chinesische Spiel, das den westlichen Markt im Sturm nehmen will – und nach dem, was Journalisten aus Chengdu und Köln berichten, hat es zumindest die Voraussetzungen dafür.

