Als Microsoft vor wenigen Tagen bestätigte, das nächste Halo-Spiel an Activision zu übergeben, kochten die Diskussionen in der Gaming-Community sofort über. Jetzt mischt sich ein Mann ein, der fast zwei Jahrzehnte lang als Franchise Creative Director die Geschicke des Master Chiefs mitbestimmt hat: Frank O’Connor.
Auslöser war ein LinkedIn-Beitrag von Genevieve Harrison, der ehemaligen Xbox Social Media Managerin. „Talent ist kein SharePoint-Ordner, den man einfach von /Call of Duty nach /Halo zieht und wartet, bis das kleine grüne Häkchen erscheint”, schrieb sie. Gleichzeitig räumte sie ein: „Was Activision beherrscht, ist das kompromisslose und extrem effiziente Führen einer gigantischen Franchise.”
O’Connor, der die Halo Studios 2023 verließ und zuvor fast 20 Jahre bei 343 Industries tätig war, antwortete mit einer nüchternen Einschätzung: „Es gibt drei Wege – und jeder einzelne davon KÖNNTE erfolgreich sein. Keiner davon ist einfach, garantiert oder zwangsläufig machbar.”
Option eins: Das klassische Halo für das Kernpublikum
Der erste Weg ist der konservativste. O’Connor beschreibt ihn als ein Halo-Erlebnis, das sich auf Bewegung, Sandbox und Shooter-Gameplay konzentriert – zugeschnitten auf das Kernpublikum, aber attraktiv genug für neue Spieler. Er verweist dabei auf eine mathematische Selbstverständlichkeit: Je mehr Menschen den Multiplayer spielen, desto besser wird die Gesamterfahrung.
Der Vorteil liegt auf der Hand. Halo-Veteranen wissen genau, was sie wollen. Ein ehrliches Spiel, das die klassischen Stärken der Reihe betont, ohne alles für alle sein zu wollen. Die Herausforderung: Das Kernpublikum ist kleiner geworden. Ob eine klassische Erfahrung allein den kommerziellen Erwartungen eines Publishers wie Activision gerecht werden kann, bleibt fraglich.
Option zwei: Ein komplett neues Halo – vielleicht sogar ein Action-RPG
Mutiger und riskanter: O’Connor schlägt als zweite Option vor, das Franchise grundlegend neu zu erfinden. Das könnte eine frische Interpretation des Ego-Shooters bedeuten – oder ein Action-RPG, das das Halo-Universum auf unerwartete Weise nutzt.
„Ein Action-/Sandbox-Spiel – vielleicht ist es ein neuer Ansatz für den Ego-Shooter, vielleicht ein Action-RPG –, das durch eine Kombination aus starker Story und geschickter IP-Nutzung überzeugt und durch Neugier sowie Markenloyalität einen kleinen Startvorteil bekommt.” — Frank O’Connor
Halo ist seit seiner Entstehung vor über 25 Jahren untrennbar mit dem Ego-Shooter-Genre verbunden. Gleichzeitig bietet das umfangreiche Universum – von der UNSC über den Covenant bis hin zu den Forerunner-Strukturen – genug erzählerischen Stoff für völlig neue Spielformen. Neugier und Markentreue würden dabei einen ersten Schritt erleichtern.
Option drei: Das Call-of-Duty-Modell für den Master Chief
Die dritte Möglichkeit spielt direkt auf Activisions nachgewiesene Stärken an: die bewährte Call-of-Duty-Formel auf Halo übertragen. Jährliche oder zweijährliche Releases, konstanter Content-Nachschub, erprobte Progressionssysteme – das Rezept, das die Shooter-Industrie seit Jahren dominiert.
Für Puristen klingt das nach einem Albtraum. Für Pragmatiker könnte es genau das sein, was Halo braucht, um wieder mit ausreichend Budget und breiter Aufmerksamkeit versorgt zu werden. Microsoft hat mit dem laufenden Umbau seiner Gaming-Sparte klare kommerzielle Prioritäten gesetzt – und Activision ist der ausführende Arm.
Zeitplan: Alle drei Wege haben laut O’Connor das Potenzial zu funktionieren – aber keiner ist garantiert. Nach aktuellen Insider-Berichten wird der nächste große Halo-Auftritt frühestens für 2030 erwartet.
O’Connors Warnung: Was Activision unbedingt vermeiden sollte
Unabhängig davon, welchen Weg Activision wählt, hat O’Connor zwei klare Empfehlungen. Erstens: Das neue Halo darf nicht an Hardware- oder Service-Launch-Zyklen gebunden werden – ein Fehler, der der Reihe in der Vergangenheit bereits geschadet hat. Zweitens: Die Sandbox muss erhalten bleiben. Sie ist ein Kernbestandteil dessen, was Halo zu Halo macht.
Außerdem rät er dringend, die entlassenen Talente von Bungie und den Halo Studios wieder einzustellen. Entwickler, die über Jahre hinweg Ideen ausgearbeitet haben, deren Projekte aber beschnitten oder eingestellt wurden – und die nun auf dem Markt verfügbar sind. „Fangt diese Menschen ein”, formuliert er es mit Nachdruck.
Es ist eine ungewohnte Situation. Ein Franchise, das Xbox einst definiert hat, liegt nun in den Händen des Call-of-Duty-Publishers. O’Connors drei Wege sind kein Fahrplan – sie sind eine ehrliche Einschätzung der Optionen, die vor Activision liegen. Und alle drei klingen alles andere als leicht.

